Wo finde ich meine Motive?

Es gibt verschiedene Ansätze, die freie Fotografen – also diejenigen, die eigene Projekte ohne entsprechenden Kundenauftrag umsetzen – wählen, um ihre Motive zu finden.

Der Schwerpunkt entscheidet

Landschaftsfotografen wissen in der Regel genau was sie wollen: Sonnenauf- und Untergänge in spektakulärer Umgebung, die Milchstraße ohne störende Lichter oder Nordlichter über isländischen Wasserfällen. Sie suchen im Internet nach entsprechenden Informationen und Bildern, vernetzen sich mit Locals und prüfen auf Google Earth die örtlichen Details. Dann planen sie mittels einer Sonnen-, Mond- und Sternenverlaufs-App das passende Datum samt genauer Uhrzeit und reisen dann gezielt an.

Andere haben einen Schwerpunkt und konzentrieren sich darauf, Gelegenheiten zu schaffen und den Rahmen zu finden, in dem sich dieses Thema abdecken lässt. Reisefotografen gehören dazu, aber auch  Naturfotografen sowie Fotoreporter. Auch hier ist einiges an Aufwand nötig sowie ein gutes Informationsnetzwerk.

Wieder andere lassen sich treiben. Selten wahllos, denn das mündet in beliebigen Schnappschüssen und ist mit ernsthafter Fotografie eher nicht in Einklang zu bringen. Urban- und Streetfotografen gehören zu dieser Spezies. Sie streifen durch die Städte, halten die Augen offen und die Kamera schussbereit. Was entsteht ist Dokumentation, Reportage, Story. Spannend und gesellschaftlich höchst relevant, wie wir heute wissen. (Andreas Feininger sei exemplarisch für viele andere genannt.)

Ausnahmen und ÜBerscheidungen

Studiofotografen, also etwa solche, die sich auf Menschen und Produkte konzentrieren, stellen eine eigene Kategorie dar. Auch sie arbeiten hin und wieder an eigenen Projekten, sogenannten Editorials und sind hin und wieder outdoor zu finden. Die Locationsuche ist für sie jedoch nur insofern wichtig, dass die Umgebung das Motiv zur Geltung bringen soll, nicht aber im Vordergrund stehen soll.

Ausgewiesene Spezialisten wie beispielsweise Sport-, Event-, Wildlife- und Architekturfotografen wiederum arbeiten selten ohne Agentur, Kundenauftrag oder konkrete Vorstellung, wie sie ihre Produkte vermarkten wollen. Dennoch gibt es nur wenige Fotografen, die ausschließlich beruflich oder zu einem bestimmten Zweck zur Kamera greifen. Fotografie ist für die meisten mehr als nur ein Job.

Mein Fokus liegt auf Details

Ich liebe und fotografiere die Natur. Landschaften sind mir jedoch zu groß, zu unübersichtlich, zu oberflächlich. Hin und wieder gelingt mir ein ansprechendes Landschaftsfoto (häufig mit dem iPhone), doch lieber genieße ich Ausblicke ohne Kamera am Auge. Auch den Nachthimmel lasse ich gern auf mich wirken ohne mir Gedanken zu machen, mit welcher Zeit-Blenden-Kombination ich ihn auf den Sensor meiner Kamera spiegeln könnte.

Meine Motive entdecke ich, indem ich genauer hinsehe: Bäume statt Wälder, Äste statt Bäume, Blätter statt Äste. Und immer wieder Strukturen. Entsprechend habe ich stets ein starkes Telezoom und selten ein Weitwinkelobjektiv dabei. Unter 70 Millimeter Brennweite entsteht kaum ein Foto von mir. Macrofotografie finde ich spannend, ich betreibe sie jedoch bislang nur selten.

Feld-, Wald- und Wiesenfotografie

Fast täglich streune ich durch meine heimischen Wälder und stets entdecke ich dort Unbekanntes, Besonderes. Nicht nur Jahreszeiten verändern die Natur. Ein Windstoß lässt etwas verschwinden und Neues erscheinen. Nässe lässt Erdfarben leuchten, Nebel erzeugt eine melancholische Stimmung, Sonne sorgt für Kontraste. Jede Minute ändert sich das Licht und damit die Wirkung dessen, was ich sehe.

Landschaftsfotografen sind oft überfordert mit dem scheinbaren Chaos, das im Wald herrscht. Ein Objekt erkennen, es fotografisch isolieren und in den Vordergrund rücken fällt ihnen schwer. Damit geht es ihnen wie mir: Der eigene fotografische Schwerpunkt entscheidet, was wir sehen und wie wir es in ein Bild umsetzen lernen. Und Erfahrung.

Feld, Wald und Wiese sind mir vertraut. Ich brauche keine Wege und auch keinen Kompass. Neugier und Instinkt führen mich. Interessant finde ich dabei immer, dass ich nur selten Tiere vor die Linse bekomme. Ich sehe sie einfach nicht, weil sie nicht zu meinen Motiven gehören. Oft stelle ich mir vor, dass eine ganze Herde Rehe hinter Bäumen verteilt steht und die Tiere fasziniert beobachten, wie ich mein Stativ aufbaue, Objektive ausrichte, um Bäume kreise, am Boden kauere. Dass es Tiere gibt in meinen Wäldern, weiß ich von meinen ausgiebigen Mountainbiketouren – und nicht nur Rehe, sondern auch Wildschweine, Füchse, Dachse, Hasen.

Der Wald lebt

Ich fotografiere gern Bäume, die Geschichten zu erzählen haben von Wind und Wetter, Glück und Leid, Kampf und Verdrängung. Mein Interesse gilt nicht dem Schönen, Bunten, Grünen, sondern dem Unscheinbaren, dem zu leicht Übersehenen. Kahle Laubwälder zeigen, was sie unter ihren Kleidern tragen: unzählige Arten von Flechten und Moosen. Wenn Wald im Winter als tot bezeichnet wird, kann ich nur den Kopf schütteln – und mit der Kamera hinausgehen und beweisen, dass da mehr Leben ist, als man glauben möchte.

Blühende Gräser gehören zu meinen Lieblingsmotiven. Welche Vielfalt ein naturbelassener Bachlaufs bietet, erstaunt mich in jedem Herbst aufs Neue. Die Heide fordert mich vor allem im Frühling heraus. Schau genau hin!, scheint sie mich zu bitten. Hier kommt in den kommenden Monaten sicher häufiger das Macroobjektiv zum Einsatz.

Wasser wiederum zieht mich war sportlich an, fotografisch jedoch weniger. Das Meer beziehungsweise das Wasser des Meeres nutze ich gern zum Surfen und Segeln, doch für meine Kamera bietet es mir schlicht nicht genügend Details. Das Ufer hingegen, vor allem, wenn dort ein Kiefern- oder Buchenwald steht wie auf Rügen – das ist ist sie, meine Spielwiese.